Interview w/ Josef Hader

Josef Hader vermisst den Espresso im Kaffeehaus und schaut gleichzeitig besorgt auf die Situation seiner Zunft. Ein Webcam-Gespräch über den Humor in der Krise – beendet mit einem Schmäh, der zu wünschen übrig lässt.


Es sei die „ideale Zeit“ für Sie angebrochen, haben Sie in einem Interview mit News gesagt. Sie würden gern daheim Zeit verbringen und aktuell ein neues Solo-Programm schreiben. Was bekommen Sie denn jetzt von der aktuellen Situation Ihrer Zunft mit?

Josef Hader: Ich bekomme natürlich viel von den Theatern, von den Kolleginnen und Kollegen und auch von den Technikern mit – und zwar, dass es gerade überhaupt nicht lustig ist für unseren ganzen Kulturkomplex. Aus dem einfachen Grund, weil wir diejenigen sind, bei denen klar ist, dass sie am Spätesten drankommen, da nirgends so viele Leute so eng beisammen sind wie bei Kulturveranstaltungen. Deswegen bekommen wir auch keine klaren Regelungen, weil die Politiker erst Entscheidungen treffen wollen, wenn sie wissen, wie die Lockerungen funktionieren. Das heißt, dass wir auf Blindflug sind. Auch ich habe zwei meiner Vorstellungen im Wiener Stadtsaal verschoben und werde das wieder machen müssen. Gibt man da dann das Geld zurück? Versucht man irgendwie im Juli oder August Open Air zu probieren, weil sich das Virus da scheinbar nicht so schnell ausbreitet wie in geschlossenen Räumen? Wir wissen es einfach noch nicht. Kurz gesagt: ja, ich bekomme all das mit, aber eben aus einer luxuriösen Situation, weil ich mir tatsächlich ein halbes Jahr fürs Schreiben frei genommen habe.

Und wie gehen Sie selbst mit der für Sie etwas angenehmeren Lage um?          

Josef Hader: Ich gehe damit um wie mit einer normalen Schreibzeit. Ich strukturiere mich selbst, das geht also aktuell gut. Was mir momentan abgeht ist, dass ich normalerweise am Vormittag immer gerne ins Kaffeehaus gegangen bin und dann mit dem Kaffee festgelegt habe, dass ich jetzt zu arbeiten beginne. Dieses Ritual muss ich momentan in der Wohnung machen – aber an zwei verschiedenen Tischen immerhin.

Jetzt geht’s vielen anderen Kunstschaffenden nicht so gut wie Ihnen. Wie geht es denn den anderen – vielleicht nicht so bekannten – Satirikern, Schauspielern und Kabarettisten des Landes?

Josef Hader: Naja, einige haben Frühjahr-Tournee geplant und müssen die jetzt absagen. Ich kenne viele junge Kabarettistinnen und Kabarettisten, die ihr erstes wirklich erfolgreiches Programm draußen haben, gute Kritiken hatten, jetzt aber nicht spielen können. Ich kenne außerdem viele von denen, die keine eigene Kriegskasse besitzen, sondern einfach nicht wissen, wie sie über den Sommer kommen sollen. Das Ganze gibt es eins zu eins bei den Managern, die da als Einmannunternehmen das Booking machen, bei Technikern oder bei Theatern, die neu renoviert und Schulden haben oder nicht wissen, wie sie ihre Mitarbeiter halten sollen. Es ist, wie gesagt, wirklich keine gute Stimmung.

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© www.lukasbeck.com

Wie bleiben Sie denn mit den ganzen Leuten in Kontakt?

Josef Hader: Des geht ganz automatisch, weil ich mit den Theatern wegen Verschiebungen ja in Verbindung stehe und per Mail mitbekomme, wer sich aller organisiert. Man wird auch immer wieder gebeten irgendwo beizutreten und solidarisch zu sein.

Das tun Sie ja auch. Für FM4 haben Sie Camut’s „Die Pest“ gegen freiwillige Spende gelesen. Das Geld geht an Kunstschaffende, die Unterstützung ja wirklich dringend brauchen, weil die Staatshilfen bei einigen nur bedingt gut ankommen. Das gefährdet die Kulturszenen des Landes – vor allem Theater, Clubs und alle die darin arbeiten. Wie schätzen Sie Zukunft der Szene nach dem Shutdown ein?

Josef Hader: Ich denke mir, dass es lange dauern wird, bis man die Normalität wiederherstellen kann. Wir Kabarettisten werden uns noch leichter tun mit der komischen Zwischenform, wenn wir Publikum mit Masken haben und nur jeder zweite Platz besetzt sein wird. Wir selbst werden mit einem Gesichtsschutz immer noch eine lustige Nummer drüber machen können und mit ein paar Witzen die Leute das Ganze vergessen lassen. Ich glaube die wirkliche Herausforderung liegt bei den Theatern und bei den freien Gruppen. Überall dort, wo es darum geht körperliche Nähe zwischen den Schauspielern darzustellen. Dort wird es besonders schwierig werden normale oder verantwortbare Inszenierungen hinzubekommen.

Hören Sie schon von Lokalen und Institutionen, die es so nicht mehr geben wird?

Josef Hader: Nein. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass die das nicht hinausposaunen wollen und verzweifelt noch versuchen etwas zu retten. Aber ich denke mir, dass es für einige sehr schwierig sein wird. Bei so kleinen Theatern kommt es natürlich auch darauf an, wie mitfühlend die Vermieter sind und wie viel Verständnis die haben. Das sind lauter spezielle, eigene Situation. Ich glaube, dass man schon einerseits bemüht ist viele zu retten. Gleichzeitig glaube ich auch, dass das Publikum gerade bei kleineren Institutionen Verständnis hat und nicht sofort die Eintrittskarte zurück verlangt – vielleicht zumindest.

Nagt die soziale Distanz eigentlich an Ihrer Kreativität?

Josef Hader: Es rufen immer Kollegen an und fragen: „Heast, wir wohnen nicht so weit auseinander, geh‘ ma in dem und dem Park spazieren?“ Das ist mittlerweile schon ein echtes Bedürfnis. Am Anfang haben viele Künstler die Zeit noch als eine Chance begriffen, um in einen kreativen Flow zu kommen, aber jetzt merken sie so ganz ohne sozialen Kontakt haut das mit der Kreativität auch nicht hin. Mit der Zeit werde ich langsamer und schreibe immer weniger, weil mir schon der Austausch fehlt und das Rausgehen.

Wird Corona in der nahen Zukunft den Humor thematisch dominieren oder wird man auch noch über andere Sachen lachen können?

Josef Hader: Das kommt sehr darauf an wie lange die Krise dauert und welche Folgen sie hinterlässt. Es kann sein, dass bald die Folgen der Krankheit dominierender sind als die Krankheit selbst. Wenn wir Glück haben kommen wir überall mit einem blauen Auge davon, bei der Pandemie und mit der Wirtschaft. Das hängt einfach von so vielen Dingen ab. Grundsätzlich ist es im Kabarett so, dass man einerseits Witze über die aktuelle Situation macht oder über das, was die Gesellschaft aus ihr macht. Es wird der Virus als Thema lange Zeit präsent sein, ja. Allein wie nahe ich zur Bühnenkante gehe? Da sollte man jetzt ja wirklich ein paar Meter Abstand halten und ich kann mir vorstellen, dass wir in kleinen Theatern mit Mundschutz auftreten müssen.

Das heißt, man kann keine Grimassen mehr schneiden?

Josef Hader: Kabarettisten, die Grimassen schneiden sind eh schlecht. Es ist gut, wenn die eine Maske haben und das ein bisschen unterbunden wird. *lacht*

Warum kompensieren Menschen Tragödien eigentlich mit Schmäh?

Josef Hader: Ich denke, dass Humor eine uralte Kulturtechnik ist, um einen augenblicklichen sehr schmerzhaften Zustand auszuhalten. Das ist, so glaube ich, etwas Grund-Menschliches. Seit der Mensch reden kann, macht er sowas, glaube ich. Ich weiß nicht, ob Tiere untereinander Witze machen. Es würde mich aber nicht wundern, wenn in zehn Jahren rauskommt, dass auch Menschenaffen in gewisser Weise miteinander scherzen. Wir kommen ja auf immer mehr Sachen drauf, die Tiere können. Derzeit ist es aber schon eine menschliche Eigenschaft, die wir uns erworben haben.

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© www.lukasbeck.com

Wo ist denn die Grenze beim Humor? Wie weit darf man zum Beispiel beim Thema Corona gehen, das ja Millionen Menschen in Armut stürzt und vielen das Leben kostet?

Josef Hader: Die kann man jetzt nicht festlegen wie eine Gebietsgrenze, sondern die Grenze ist, dass man damit auf eine kluge oder erhellende Art und Weise umgeht. Man kann ganz oage Sachen machen, die auch Geschmacksgrenzen verletzen, wenn sie wahr sind und auch den großen Schmerz zeigen und wie schlimm es um die Welt bestellt ist. Dann darf man schon zu den ärgsten Dingen greifen. Das habe ich aber nicht erfunden. Es gibt dazu einen schönen Aufsatz von Kurt Tucholsky „Was darf Satire?“. Die Zusammenfassung davon ist so circa: wenn sie es gescheit macht, darf sie alles.

Machen Sie alles?

Josef Hader: Wenn ich hin und dann gescheit bin schon, manchmal schaff ich’s halt nicht. *lacht*

Was vielleicht nicht jeder weiß: Sie wären ja eigentlich Lehrer geworden, haben sich dann aber für die Künstlerkarriere entscheiden. Versuchen Sie Menschen mit Ihrem Humor zu bilden?

Josef Hader: Ich versuche eher die Gesellschaft zu sehen und das, was ich mir über sie denke, kommt dann in meinem Programm zum Ausdruck. Nicht als Antwort, sondern mehr als Fragestellung. Es ist ein bisschen so, dass ich gesellschaftliche Zustände durchaus auch drastisch auf den Punkt bringe, aber eben keine Antworten darauf gebe. Das ist etwa meine Technik. Zu sehr überlege ich mir das aber nicht, sonst geht es mir wie dem Tausendfüßler, der dann nicht mehr weiß wie er gehen muss.

Risikopatienten im nächsten Umkreis haben Sie keine, haben Sie in einem Interview gesagt, aber haben Sie Angst sich anzustecken?

Josef Hader: Angst nicht. Ich bin in einer sehr latenten und nicht übertriebenen Art hypochondrisch veranlagt. Das äußert sich so, dass ich medizinisch sehr interessiert bin. Das heißt, dass ich immer, wenn es irgendwelche Krankheiten gibt, alles sofort wissen will. Daher würde ich die Symptome sofort erkennen. Ich habe ja so eine kleine Allergie und drum schaue ich jetzt immer viel mehr auf die Lunge und jeder kleine Huster wird kritisch hinterfragt. Dann denkt man sich, dass es eh nur eine Allergie ist und ich rieche noch alles und Fieber habe auch keines. Es ist also keine Angst, sondern eher ein ausgeprägtes medizinisches Interesse. Große Angst habe ich wirklich nicht – eigentlich nur deshalb, weil ich kreislauftechnisch gut beieinander bin. Es gibt so viele Menschen, um die man sich wirklich Sorgen machen muss. Ich würde mich da nicht so wichtig nehmen.

Leidet der Humor eigentlich auch unter Corona oder wird der vielleicht sogar besser?

Josef Hader: Der Humor ist glaube ich immer gleich gut. Es gibt allerdings schon Anzeichen, dass in solchen Krisenzeiten die Satire besonders gut werden kann, weil wir sehr berühmte Werke kennen, die in sehr oagen Zeiten geschrieben wurden. Ich glaube, Weltliteratur ist immer in solchen Übergangszeiten, in brüchigen Zeiten entstanden.

Bedeutet das, dass wir mit Ihrem neuen Programm auf Weltliteratur hoffen dürfen?

Josef Hader: Wäre schön so, aber ich fürchte nein. *lacht*

Haben sie zum Abschluss eigentlich noch einen guten Corona-Schmäh parat?

Josef Hader: Oje! Also ich habe jetzt immer den gemacht, dass ich mich bei den ganzen Lockerungen nicht mehr auskenne. Händewaschen oder darf man schon wieder duschen? Aber er ist nicht besonders gut.

Man muss fairer Weise sagen: leider nicht. Aber der Versuch zählt und Sie haben ja noch Zeit für das Programm. Danke Herr Hader!

Josef Hader: Sehr gerne! *lacht*

 


Dieses Interview ist Anfang Mai auf Ö1 Campus in der Sendung „Radio Werkklang“ gelaufen und kann unter https://www.kma.at/produktionen/werkklang nachgehört werden.

Fotos von Lukas Beck.
© www.lukasbeck.com

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