Extinction Rebellion: Rebellieren für Einsteiger

Die Umweltschutzorganisation “Extinction Rebellion” möchte nichts Geringeres, als die Welt retten. Thomas Winkelmüller hat für „profil“ eine Wiener Ortsgruppe seit deren Gründung bis zu ihrer Blockade der Salztorbrücke begleiten. Chronologie einer Radikalisierung für die Natur.

Kurz vor Beginn der Aktion presst die Rushhour Autos von Ampel zu Ampel vorbei an der Salztorbrücke. Vereinzelt schlendern Menschen mit Plakaten oder Topfpflanzen im Rucksack an die Ufer und bilden kleine Menschentrauben. Dann wechselt Julian ein letztes Mal die Brückenseite, zieht sein Handy aus der Hosentasche und wählt mit zittrigen Fingern „133“. Er sagt der Polizei, dass gleich eine Brücke blockiert wird. Einen Kilometer von ihm entfernt präsentieren sich gleichzeitig Menschen mit bemalten Gesichtern auf der Uraniabrücke – sie sollen so von der geplanten Aktion ablenken. Bald darauf bahnt sich eine Kolonne mit Blaulicht und Folgetonhorn ihren Weg zwischen Pendlern und Taxis in Richtung der beiden Brücken. Der Erfolg der gesamten Aktion hängt davon ab zu welcher.

Julian und die anderen Aktivisten sind Mitglieder von Extinction Rebellion. Einer Umweltschutzorganisation, deren Aktivisten im Herbst letzten Jahres die Londoner Infrastruktur lahmgelegt haben. Von dort aus nahm die Organisation ihren Anfang. Heute ist sie weltweit aktiv und strukturiert sich aufgrund ihrer dezentralen Arbeitsweise von Land zu Land unterschiedlich. Finanziert wird sie durch Spenden. Gemeinsame Ziele und die Bereitschaft zu gewaltfreiem zivilen Ungehorsam verbindet die Aktivisten. Am 2. Oktober 2019 fand die jüngste „Rebellion Week” mit Demonstrationen rund um den Globus statt. Extinction Rebellion Austria zählt alles in allem rund einhundert Mitglieder und besteht aus einzelnen Ortsgruppen. Sie planen relativ unabhängig voneinander und werden dann zusammen aktiv. Die Blockade auf der Salztorbrücke ist ihre bis dato größte Aktion in Wien.

Die Flagge von Extinction Rebellion flackert am Himmel.

11. September – Mittwochabend im “Clash”. Unter fahlem Lampenlicht und hoher Decke bestellen die Gäste Spritzer und Bier. Die Bar in einer Gasse neben der Alserbachstraße ist gespickt mit Plakaten. An der Wand vor den Pissoirs kleben Sticker von „Fridays for Future“ oder mit Sprüchen wie „Nazis essen heimlich Döner“. An diesem Tag gründen hier eine Handvoll Studenten der Universität für Bodenkultur (BOKU) jene Gruppe, die knapp ein Monat später die Salztorbrücke blockieren wird. So genau wissen sie das an diesem Abend aber noch nicht.

„Wir machen das nicht, weil wir wollen, sondern weil wir müssen.“

Auf die Rahmenbedingungen können sie sich bereits einigen: Die Aktion soll den Individualverkehr auf einer Brücke treffen und “die Blockade muss unangemeldet stattfinden.” Dimas sagt das halb ernst halb scherzhaft und leckt über den Klebestreifen seiner selbstgedrehten Zigarette. Er ist ein junger Musiker mit Karohemd und Hang zum Sarkasmus, der oft radikalere Ansätze verfolgt. Gewalt sei keine Option, aber „wir müssen den Kiwaran so richtig auf den Oasch geh’n“.

Mit dem Start um 16:30 Uhr werden sie Pendler an der Heimreise hindern, den Job werde diese Aktion jedoch niemanden kosten. Für Rettung und Feuerwehr gibt es in unmittelbarer Nähe zwei Brücken. Dort wird die jeweilige Zentrale ihre Einsatzwagen umleiten. Das ist Usus. Eine falsche Reaktion kann trotzdem keiner ausschließen. Dessen sind sich alle Anwesenden bewusst. Auf diese Gewissensfrage angesprochen, meldet sich Anna. Rosarote Trainingsjacke und goldene Bauchtasche mit kleinen Perlen, die sie immer bei sich trägt. Anna kommt ursprünglich von einem Biobauernhof in der Ramsau und studiert in Wien. Obwohl sie in der Gruppe selten das Rampenlicht sucht, macht sie jetzt ihren Standpunkt klar: „Wir machen das nicht, weil wir wollen, sondern weil wir müssen.“

16. September – Montagabend, wieder im Clash. Mittlerweile kennt die Kellnerin die Gruppe und weiß von den meisten, was sie trinken. Bei diesem Treffen haben sie Zuwachs bekommen. Drei Studentinnen, ebenfalls von der BOKU. Sie diskutieren, rauchen und planen weiter. Bands, ein Chor, Kletterer – sie denken größer und weiter. Trotzdem dreht sich die Diskussion etwas im Kreis. Mehr Meinungen führen zu mehr Unstimmigkeiten. Die neuen Mitglieder stellen in Frage, dass die Aktion illegal stattfinden soll.

„Wir wollen die Leute nicht verschrecken, sondern sie von unserer Sache überzeugen“, sagt Lisa, eine der neuen Studentinnen in der Runde. „Das stimmt schon“, pflichtet Julian zuerst bei, „aber wir dürfen kein zweites Fridays for Future werden. Ohne zivilen Ungehorsam geht das nicht.“ Die Gruppe stößt auf die ersten internen Hürden. „Schon anstrengend“, murmelt Julian – Vollbart, braungebrannt und langhaarig – während er vor der Bar seine Zigarette raucht. Der leidenschaftliche Skateboarder kommt zu den Treffen meistens mit seinem giftgrünen Rad. Auch wenn die BOKU-Studenten keiner ausdrücklichen Hierarchie folgen, hat Julian die Koordination übernommen. Das liegt ihm. Für diesen Abend kann er die Gruppe trotzdem nicht zusammenhalten. Nach dem Treffen trennen sie sich uneins.

Ein Aktivist von Extinction Rebellion seilt sich von der Brücke ab.

18. September – Zwei Tage später sitzen sie wieder zusammen. Diesmal ohne gemäßigten Teil, nur die Kerngruppe. Die Neuen haben ihnen die Vollmacht für das letzte Wort erteilt. Gegen 20 Uhr kommt eine Nachricht von Julian via WhatsApp. „Wir sind back on illegal Track“. Die Entscheidung ist gefallen.

17. Oktober – Über die letzten zwei Wochen hinweg hat das Projekt Form angenommen. Zwischen Biergläsern und Rauchschwaden haben zehn Leute eine Idee geboren. Heute Abend wird sie die BOKU-Gruppe präsentieren. Sie waren an der Salztorbrücke und haben eine Skizze gezeichnet, um besser planen zu können. Befreundete Aktivisten werden Topfpflanzen mitbringen, der Extinction Chor hat fix zugesagt. Außerdem gibt es einen Namen für die Aktion: Garden Bridge.

„Was, wenn wir verhaftet werden?“

An diesem Dienstag gehen sie ins Dreiklang, ein kleiner Freiraum Nähe Schottentor. Mit der Unterstützung der Hauptorganisation Extinction Rebellion Austria haben sie mehr Menschen und finanzielle Mittel mobilisiert. Statt der ursprünglichen zehn Studenten sind über 30 Leute hier. Der Frauenanteil im Raum überwiegt und bis über die Tür hinaus ist der Versammlungsort gefüllt.

Zu Beginn präsentiert Marie ihren gemeinsamen Plan. Die Soziologie-Studentin ist schon seit April bei Extinction Rebellion Austria und unterstützt die BOKU-Gruppe. Braune Haare, braune Augen und grün-politische Wurzeln. Letzteres sei laut ihr eher untypisch für Menschen in der Bewegung. Als sie über die Blockade spricht, kommt eine Wortmeldung aus dem Sesselkreis: „Was, wenn wir verhaftet werden?“ Diese Frage verdunkelt die Mienen im Raum. Einigen wird das Risiko bewusst. Bei Extinction Rebellion gibt es eigene in Österreich ehrenamtlich arbeitende Rechtsberater und Marie ist bereits informiert. „Stellt die Polizei eure Identität fest, gibt es eine Verwaltungsstrafe von rund 150 Euro. Wenn nicht, dann geht ihr bis zu 24 Stunden in eine Zelle. Spätestens dann müssen sie euch rauslassen“, sagt sie, „wir können aber nicht versprechen, wie die Aktion ablaufen wird.“

AktivistInnen von Extinction Rebellion und die Polizei stehen sich gegenüber.

Laut Marie habe Extinction Rebellion einen guten Draht zu den Behörden. Nicht zuletzt, weil die österreichische Tochterorganisation im Vergleich zu ihrem Deutschen Nachbar nicht ganze Städte lahmlegt, beziehungsweise das wegen der geringeren Mitgliederzahl einfach noch nicht kann. Sie informieren ein bis zwei Wochen zuvor die Polizei, dass im Rahmen der Rebellion Week Aktionen stattfinden werden. Ein paar Minuten vor Beginn gibt es dann einen letzten Anruf und die jeweilige Blockade startet.

Damit auf der besagten Garden Bridge alles nach Plan läuft, absolvieren die meisten Freiwilligen ein Aktionstraining. Es basiert auf internationalen Konzepten der Organisation und dauert an die acht Stunden. Wie die Rechtsberatung arbeiten die Vortragenden ehrenamtlich. “Die Teilnehmer lernen dort wie sie im Notfall deeskalieren und gewaltfreien passiven Widerstand leisten”, erklärt Marie. Das soll die Risiken minimieren und den Ruf der Aktion verbessern. Im Namen einer dezentralen Aktion wie Extinction Rebellion, die von ad-hoc-Aktivismus lebt, kann theoretisch jeder handeln – auch entgegen ihrer Werte. Trainings und Kontakt zu den Hauptgruppen soll dem entgegenwirken.

Der 9. Oktober – Tag der Aktion Garden Bridge

14:00 Uhr – In einem Hof des alten AKHs stehen ein paar Dutzend Menschen mit Topfpflanzen bewaffnet im Kreis. Extinction Rebellion hat ein weißes, fensterloses Zelt aufgebaut. Von hier aus koordinieren sie die eine Hälfte der Teilnehmer. Dimas steigt aus der Menge auf ein Sitzmodul und eröffnet die Runde. “Hallo zusammen. Meine erste Bitte: teilt euch nachher ein wenig auf. 70 Menschen mit Pflanzen könnten ein bisschen auffällig werden.” Die Zuhörer lachen kurz. Dann erklärt er den weiteren Ablauf. Sie sollen Gruppen mit je einem Leiter bilden. Der wird im Laufe der kommenden Stunden weitere Informationen bekommen, denn für die meisten ist der Aktionsort noch geheim.

Nach seiner Ansprache erzählt Dimas von der aktuellen Lage. “Wir sind in den letzten Tagen mit Unterstützungsangeboten regelrecht bombardiert worden,” sagt er, “aber ich kenn’ einfach zu wenige Leute aus der Organisation, um alles zu koordinieren.” Damit spricht er die Nachteile der dezentralen Struktur, die auf ad-hoc-Basis beruht, an. Aktivisten müssen improvisieren und mit der Eigendynamik der jeweiligen Aktion arbeiten können. Trotzdem laufe noch alles nach Plan. Während die Freiwilligen hier im 9. Bezirk gerade die ersten Gruppen bilden, berät sich der andere Teil im Hauptquartier in Simmering. Bei der Salztorbrücke werden sie dann aufeinandertreffen.

Extinction Rebellion Aktivist spricht zu den Leuten.

16:25 Uhr – Julian – nach dem Anruf bei der Polizei noch das Handy in der Hand – blickt gespannt auf die Straßen jenseits der Brücke. Die Beamten springen auf den Köder an. Eine Blaulicht-Kolonne zieht an der Salztorbrücke und den Aktivisten unter ihr vorbei Richtung Urania – der Ort, an dem Mitglieder der Extiction Rebellion von der eigentlichen Aktion ablenkt. Später wird ein Pressesprecher der Polizei sagen, die Beamten hätten bereits Informationen gehabt, dass heute der Höhepunkt der Rebellion Week kommen würde und wären alarmbereit gewesen – sie wussten nur nicht genau wo die Aktion stattfinden würde. Als dann eine Minute vor halb fünf alles in den Startlöchern steht, fallen erste Regentropfen. Weltuntergangsstimmung. Garden Bridge beginnt.

“Wir 1 – Polizei 0.”

16:33 Uhr – Die Kameras laufen. Vom Himmel aus beobachtet eine Drohne die Aktion. “Habt’s ihr schon amal was g’hackelt?”, wirft eine ältere Dame im Trenchcoat den Aktivisten beiläufig entgegen. Kaum drei Minuten nachdem je 40 Menschen die beiden Brückenenden gesperrt haben, errichtet die Polizei eine Gegenblockade aus Fahrzeugen und Beamten. Einer hat vergessen die Handbremse zu ziehen. In letzter Sekunde läuft er zu seinem Polizeiwagen und reißt den Hebel nach oben.

Zeitgleich ertönen die ersten Freudenrufe der Aktivisten. “Extinction” ruft eine junge Frau und “Rebellion” entgegnet ihr die Menge. Dann bricht die Siegesstimmung kurz ab. Die Polizei möchte die restlichen Instrumente und Pflanzen nicht auf die Brücke lassen. Julian beginnt mit den Ansprechpersonen der Polizei auf zu diskutieren. “Jetzt sind wir schon da, die paar Sachen machen auch keinen Unterschied mehr.” Die Beamten beraten sich und geben nach. Kurz darauf passiert Dimas mit Instrumenten bepackt die Absperrung. “Wir 1 – Polizei 0.”

Winkelmüller_Profil_Julian kommuniziert mit Polizei 2

17:00 Uhr – Die Aktion ist in vollem Gange. “Lollipop” von den Chordettes wird zum Klimasong umgetextet. Gitarre und Cajon begleiten das Stück. Rund 250 Teilnehmer sind gekommen. Männer und Frauen, die friedlich zusammen an einer besseren Welt arbeiten wollen, heißt es. Ein Aktivist meint, andere linke Organisationen würden Extinction Rebellion Austria dafür kritisieren. Ihre Methoden seien nicht radikal genug. Auch innerhalb der Bewegung gehen Meinungen auseinander. Rassismus und Sexismus zum Beispiel dulden nur wenige in ihren Reihen. Irene, Mitglied des Kernteams, nicht. “Das steht in unseren Grundsätzen. Ich kann mit solchen Menschen befreundet sein und diskutieren, aber nicht zusammenarbeiten.” Eine Aktivistin auf der Brücke sieht das anders. Solange alle dasselbe Ziel verfolgen, gebe es kein Problem. “Das Klima können wir nicht alleine retten. Da muss jeder helfen, ganz egal wer.”

18:30 Uhr – Die Aktion geht jetzt schon länger als von den Veranstaltern erhofft. Während Kletterer von der Brücke hängen, tanzt der Rest in der Mitte, aber langsam wird es kalt. Das Wetter bricht um und es beginnt erneut zu regnen – diesmal stärker. Mittlerweile sitzen die Aktivisten an den Brückenenden auf ihren Bannern, ihnen gegenüber die Polizei. Für die Blockierenden der “Extinction Rebellen” gibt es sogenannte “Caretaker”. Sie achten darauf, dass die Menschen in der Kette nicht dehydrieren und Ersatz für sie bereitsteht. Heute bieten sie auch der Polizei Kekse an. Ein paar Meter neben ihnen “Legal Observers”, als Zuschauer getarnte Aktivisten, die darauf achten, dass alles rechtens zugeht. Weder Extinction Rebellion noch die Polizei äußern Beschwerden. Ein Pressesprecher meint, er sehe kein Grund dafür, die Veranstaltung aufzulösen. Der Verkehr spürt von der Versammlung nichts. Bei einem Eingriff, sagt er, würde die Aktion bloß unnötig eskalieren.

“Aufhören, wenn es am schönsten ist”

20:00 Uhr – Der Regen leitet das Ende der Aktion ein und schwemmt die Besetzer langsam von der Brücke. Bei Julian geht ein Anruf ein. Es ist die Polizei. Man möchte wissen, auf welche Uhrzeit sich die Beamten einstellen sollen. Die BOKU-Gruppe muss eine Entscheidung treffen. “Wir haben eigentlich mit einer kurzen Blockade und Verhaftungen gerechnet”, sagt Julian, “jetzt ist aber kein Ende in Sicht.“ Die Polizei sei fast schon “zu nett”. Ihr Plan vom großen zivilen Ungehorsam schwächelt. “Aufhören, wenn es am schönsten ist”, sagen sie. Ihre Energie ist erschöpft und sie haben die Bilder erzeugt, die sie wollten. Julian telefoniert abschließend mit der Polizei, dann singen sie ihr letztes Lied und sagen “Danke” an alle. Um 21:30 Uhr sind die letzten Pflanzen und Banner eingepackt. Auf der Brücke stehen nur mehr wenige Aktivisten – und auch die ziehen bald weiter. Verhaftet wurde niemand.

DSCF2722

22:30 Uhr – Nicht im Clash, sondern im Büro der Extinction Rebellion in Brigittenau. Mit einem Bier stößt die BOKU-Gruppe trotzdem an. Sie strahlen eine Mischung aus Erleichterung und Niedergeschlagenheit aus. Gemeinsam lassen sie Revue passieren, was auf der Salztorbrücke passiert ist. Ihre Aktion ist nicht gelaufen wie erwartet: Die Polizei hat niemanden festgenommen, irgendwie stoßen sie sich daran. Ziviler Ungehorsam sieht anders aus. Auf der anderen Seite kamen ihnen mehr Menschen zur Hilfe, als sie je gedacht hätten. Ein Erfolg mit überraschender Eigendynamik. Sie haben heute sicherlich nicht die Welt gerettet, das wissen sie. In Facebook-Kommentaren bezeichnen sie einige Menschen als naiv, faul, weltfremd. Trotzdem: In ihren Augen war Graden Bridge ein kleiner Schritt auf einem langen Weg zu dem Planeten, von dem sie alle zusammen träumen.


Erschienen im „Profil“

Mitarbeit und Fotos: Caroline Gugerell

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.