Brandstetter & Freunde

Seit über 32 Jahren steht das Music Center halb versteckt zwischen Wagramer Wohnungen und Einfamilienhäusern. In ein paar Monaten wird das einzige Musikgeschäft der Stadt neben das VAZ übersiedeln. Ein Andenken.

Als Gerhard Semmler die Tür zum Music Center öffnet, liegt Hannes Brandstetter bereits im Rettungswagen – mit Blaulicht und Sirene am Weg ins Krankenhaus. Hannes hatte im Geschäft eine Gehirnblutung. Eigentlich will Gerhard – ein ehemaliger Mitarbeiter von Hannes – nur Kaffee trinken und in Ruhe tratschen und dabei im Hinterzimmer ein paar Mentholzigaretten rauchen. Zur Erklärung: Für die meisten sieht so ein gewöhnlicher Tag im Music Center aus. Heute wird es Gerhard ein letztes Mal als Gast betreten, dafür bald in der Position des neuen Verkaufsleiters verlassen. Zufall oder Vorsehung? Das könne er auch nicht beantworten, „aber es war wirklich ein verdammtes Glück, dass ich da war!“

Zwei Jahre später schupft der 56-Jährige den Music Center Laden. Das Geschäft ist eine St. Pöltner Institution unter Bands und Teilzeitmusikern, verschüttet in der Familiensiedlung. Zumindest noch ein paar Monate. Dann wird das Music Center, seit Jänner des Jahres Teil der NXP-Familie, in ein neues Gebäude neben dem VAZ St. Pölten einziehen. Fläche 550 Quadratmeter anstelle von bislang 220 mitsamt Stauraum. Lage neben der Autobahn und weg aus der Wagramer Vorstadt, wo manche Bewohner der anderen Straßenseite gar nicht ahnen, dass sie einen Musikladen zum Nachbarn haben. Sogar eine eigene Website wird kommen. Manch einer meint, so viel Erneuerung hat das Musikgeschäft die vergangenen 30 Jahre nicht erlebt. Aber wo wurzeln überhaupt die Anfänge des Music Centers?

Das St. Pölten-Problem
St. Pölten, Ende 1986. Der gelernte Elektrotechniker Hannes Brandstetter repariert TV-Geräte und Radios. Hin und wieder verkauft er sogar ein paar. Nebenbei arbeitet er als Tontechniker bei den Jets, dieselbe St. Pöltner Band, in der Toni Bruckner E-Gitarre spielt. Beide sind damals um die 20 und beide verspüren ein Gefühl, das die meisten St. Pöltner nachempfinden können: In unserer Stadt fehlt irgendetwas. „Musikgeschäfte gab es schon in St. Pölten. Da waren der Strobl und der Radler“, erzählt Toni, „aber E-Gitarren und Keyboards für junge Bands, gemeinsam mit der richtigen Beratung und ein richtiger Treffpunkt für Musiker? Das hat es zu der Zeit einfach nicht gegeben und wir wollten es bieten.“

Die beiden ergänzen sich gut. Hannes beherrscht Technik und Buchhaltung von seinem eigenen kleinen Handel und Toni die Musikinstrumente. „Trotzdem waren wir blutige Anfänger und hatten es am Anfang schwer“, gibt Toni zu. Zuerst besichtigen sie Lokale in der Innenstadt – zum Beispiel ein paar Räume gegenüber dem Vino. Der Gedanke daran sei schön gewesen, am Ende des Tages blieb alles nur leider weit außerhalb ihrer Preisklasse. Für das heutige Music Center nehmen sie einen Kredit auf, denn ihnen fehlt es an Eigenkapital. „Außerdem haben wir seit der Eröffnung im Dezember 86, außer Mundpropaganda, nie Werbung gemacht, bis heute nicht“, sagt Toni und klingt so, als würde er sich selbst wundern, wie das eigentlich funktionieren konnte. Ob sie jemals ans Zusperren gedacht hätten? „Nein, so schlimm war’s zum Glück nie“, sagt Hannes mit ruhiger Stimme. Wer ihn kennt, weiß über seine unaufgeregte Art Bescheid. Heute lässt er sonst meistens lieber Toni reden.

Der Night-X-Press fährt ein
Am Anfang verkaufen sie noch Fernseher und andere „Hi-Fi-Geräte“, wie Toni sie nennt, „aber für einen Musiker ist ein Musikgeschäft, wo auch anderes Zeug verkauft wird, mehr ein Tandler als sonst was. Deswegen sind wir bald ausschließlich auf Instrumente und Zubehör umgestiegen.“ Das war nicht die einzige Änderung im Sortiment. Rund ein Jahrzehnt nach der Gründung trifft Toni die Entscheidung das Music Center geschäftlich zu verlassen. Er und Hannes hätten einfach andere Vorstellungen über die Zukunft des Ladens gehabt und das sei damals die beste Lösung gewesen. Vor allem weil jemand bereit ist, Tonis Anteil zu übernehmen.

Im September 1997 wird aus „Bruckner und Brandstetter“ nämlich „Voak und Brandstetter“. Bernard Voak, dem heute gemeinsam mit Bruder René die NXP-Gruppe gehört, kauft sich zur Hälfte in das Geschäft ein (siehe S. 42). „Ich weiß ja nicht, ob die Brüder Voak da heute noch so stolz drauf sind, aber die haben als Teenager in der Kommerz-Band ‚Night-X-Press‘ gespielt und waren unsere Kunden“, erinnert sich Toni mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht. Über die Initialen der Band sei übrigens auch der Name des Unternehmens NXP entstanden. In den kommenden Jahren vergrößert der neue Miteigentümer gemeinsam mit Hannes das Geschäft. Dort, wo heute Kasse und Keyboards sind, stand früher eine geschlossene BAWAG-Filiale leer. Sie wird gekauft, die Wände eingerissen und so die Verkaufsfläche des Music Centers verdoppelt.

Der Weg in die Höhle
Damit steigt auch die Arbeit. Hannes muss ein größeres Geschäft mit weniger Unterstützung führen. Von Montag bis Freitag kassiert und verkauft er, am Wochenende steht die Buchhaltung an. Lieferungen nimmt er meistens selbst entgegen, packt sie aus und bringt sie in seine eigene Ordnung. Stichwort Ordnung: Wer einmal im Music Center war, vergisst niemals dessen Erscheinungsbild. Manchmal sei nicht einfach zu unterscheiden gewesen, ob Inventur oder geöffnet war. Lager und Verkaufsfläche verschwammen und so bildete ein Wall aus Kisten den Gang in das hintere Abteil des Geschäftes – wie die Öffnung in eine gemütliche Höhle, in der friedfertige Musikmonster mit einer ausgewogenen Diät aus Kaffee und Tabak hausten. Auch wenn die Kisten mittlerweile weg sind und Gerhard nach einem Jahr Arbeit Ordnung in das kontrollierte Chaos bringen wird, diese „Höhle“ bleibt der Grund für viele wiederzukommen. Aus Hannes‘ Kunden werden Freunde.

Einer, der sich noch an die Kisten erinnert, ist Benedikt Dengler. Das Mitglied des St. Pöltner Drum&Bass-Duos „Dossa & Locuzzed“ besucht zufällig heute das Geschäft. Als sein Alter noch im einstelligen Bereich war, kam er für Drumsticks, heute sucht er nach den passenden Kabeln fürs Studio. Mit dem Wort „legendary“ beschreibt er das Music Center. Seinerzeit habe er in einem Keller auf der anderen Seite der Straße begonnen aufzulegen. Er sei damals immer wieder „rüber gekracht“ und habe mit den neuen Synthesizern experimentiert. Allgemein erstreckt sich der Kundenkreis von der Mutter, die mit ihrem Kind das Gitarrenanfänger-Heft Fridolin für die Musikschule kauft, bis über den etwas schrägen Vogel, der das zwölfte Fender-Merchandise abholt, bevor im Hinterzimmer ein Packerl Zigaretten verraucht.

Last Christmas
Letzteren, also den Stammkunden von Hannes, zaubert das Wort „Weihnachtsfeier“ ein Lächeln ins Gesicht. Jedes Jahr feiert er mit ihnen gemeinsam im Music Center Heilig Abend. Zwischen Sammlerstücken im Wert von tausenden Euro und selbstgebranntem Obstschnaps eines Nachbarn verbringen sie die Nacht bis in die frühen Morgenstunden. Sie jausnen und reden über „die alten Zeiten“. „Da haben sie sich wirklich nicht lumpen lassen“, erzählt ein Besucher. Daran erinnert sich auch Hannes noch gerne zurück.

Seit dem Vorfall gibt es keine Weihnachtsfeier mehr. Kurz danach setzen sich Gerhard und Bernard zusammen und besprechen, wie die Zukunft des Shops aussehen soll. Sie planen das „neue“ Music Center – diesmal mit vollem NXP-Anteil. Ein großer, offener Glasbau mit Sitz neben dem VAZ und die eigene Website, um den Onlinemarkt etwas entgegenzustellen. Der ist die einzige Konkurrenz. Im Umkreis gibt es keine Musikläden mehr und dann das Unternehmen einfach zu schließen, wäre aus Bernards und Gerhards Sicht unwirtschaftlich. Im jetzigen Music Center könnten sie in Zukunft ein großes Lager einrichten. Das neue Gebäude soll, grob gesprochen, moderner werden. Finanziell kann sich ein frisches Flair durchaus rechnen. Die Autobahnabfahrt und ein paar Konzertlocations würden den einen oder anderen neuen Kunden anlocken, meint Gerhard. „Es darf aber auch nicht zu steril werden“, sagt er. Die Stammkunden würden wegen der Kaffeehaus-Atmosphäre und der Gemütlichkeit kommen. Sie lieben das alte Geschäft und manche wären bereits seltener zu Besuch, seit die Sitzgelegenheiten im Hinterzimmer dem dringend notwendigen Lagerraum weichen mussten.

Gegen Ende des Jahres soll, wenn alles nach Plan läuft, der Umzug beginnen. Der rauchige Music Center-Geruch auf der neuen Gitarrentasche wird bald Geschichte sein, aber noch herrscht Betrieb im Geschäft in der Jörgerstraße Nummer 4. Jeden Samstag schaut Hannes drei Stunden vorbei und tratscht wie früher mit Kunden, die zu Freunden wurden – auch heute während des Interviews. Er schaut etwas besorgt und wirft nach langem Schweigen kurz ein: „Ich bin mir einfach nicht sicher, ob das neue Geschäft gehen wird.“ Darauf hin dreht sich Toni zu ihm, packt ihn behutsam an der Schulter und erwidert felsenfest: „Und ich sag dir Hannes, das wird funktionieren!“

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