Erlösung

Wavvyboi schreibt niemals fröhliche Lieder. Mit Musik entblösst der gebürtige Liechtensteiner seine Gefühle, gehüllt in Jazzakkorde und drückenden Bass. 

Er leckt vorsichtig mit der Zunge vom Filter bis zur Spitze seiner Zigarette. Während Wavvyboi mit den tätowierten Fingern Tabak im Pape einrollt, beginnt er zu erzählen. „Je schlechter ich mich fühle, umso mehr rauche ich.“ Dass er aufhören sollte, weiss er. Irgendwann wird es seine Stimme einschränken und damit seine Zukunft.

Als Sänger und Songwriter setzt Wavvyboi alles auf Musik. Er möchte sich mit ihr eines Tages ohne Unterstützung seiner Eltern über Wasser halten können. Der 20-jährige Schulabbrecher lebt heute in einer Kölner Musiker-WG und reitet auf der Neo-RnB-Welle, die seit ein paar Jahren um den Globus rauscht. Gemeinsam mit grossen Namen der Szene, wie dem Produzenten von Dat Adam, Mary oder Young Mokuba, arbeitet Wavvyboi an seinem Traum. Um dem zu folgen, musste er raus aus seiner alten Welt.

Hassliebe

Rosa Nagellack und Schminke auf den Augen. Gesichtstattoos hat Wavvyboi noch keine. „Wegen meiner Mama“, sagt er. Jemanden mit seinem Auftreten würde hier kaum ein Liechtensteiner antreffen, wäre Wavvyboi nicht selbst im Land geboren. Er pflegt ein ambivalentes Verhältnis zu der Heimat. Viele Fehler und Hindernisse verbinde er heute mit ihr. „Auf der anderen Seite liebe ich den Ort. Die Berge sind wunderschön, aber die Gesellschaft und wie alles zusammenhängt, damit komm ich nicht klar. Insofern hasse ich dieses Zuhause.“ Er sei eine Woche hier, um Freunden und Familie ‚Hallo‘ zu sagen. Danach geht es wieder nach Köln, zurück ins Studio.

„Abends sitze ich immer wieder alleine zuhause und besaufe mich, bis ich keine Musik mehr machen kann und einschlafe“, sagt Wavvyboi. Überkommen ihn seine Emotionen, sucht er die Lösung oft im Rausch. Benzos und Antidepressiva liegen hinter ihm. Heute kifft oder trinkt er in seinem Zimmer und schreibt Lieder. „Bin ich nicht nüchtern, fliessen die Tracks wie von alleine aus mir. Auch wenn es nicht gesund ist.“ So bekämpfe er seine Dämonen.

Melodie statt Medikament

„Ich mache das, weil ich mit allem Anderen niemals Frieden finden könnte. Ohne würde ich in einem Meer aus Emotionen untergehen“, sagt Wavvyboi und dämpft seine Zigarette mit einem Wischer im Aschenbecher aus. Früher betäubte er seine Emotionen und Ängste mit Tabletten, heute packt er Probleme in Melodien. „Ich möchte so psychische Stabilität finden“, erzählt Wavvyboi, „Lieder zu schreiben ist ein erlösendes Gefühl für mich.“

Neun solcher Songs sammelt Wavvyboi auf seinem nächsten Tape. Alle über Liebeskummer, alle über die Trennung von seiner letzten Freundin. „Ich hänge an diesem Menschen“, sagt er. Sie aber hat ihn auf allen sozialen Netzwerken blockiert. Über das Album möchte er mit ihr in Kontakt treten und der Vergangenheit gerecht werden. „Leute denken immer wieder, ich würde nach aussen auf emotional tun, um cool zu wirken. Da steckt mehr dahinter. Es macht ja keinen Spass so zu sein.“

Am Ende des Interviews rollt Wavvyboi seine zehnte Zigarette. Er geht diesen Abend auf eine Geburtstagsfeier, um alte Freunde wiederzusehen. An einem Ort, den er hasst und liebt. Vielleicht hat er heute noch nicht die Letzte geraucht, bis zur Veröffentlichung des neuen Tapes im Herbst, wird das seinem Erfolg aber wohl kaum schaden.

 


Wavvybois Karriere

Mit zwölf Jahren nimmt Simon Vogt aka Wavvyboi die ersten Klavierstunden bei seinem Lehrer und Mentor Stefan Frommelt. Schon damals merkt er, was Musik in ihm auslöst. Er lernt zuerst im Alleingang und später von Roger Szedalik Gitarre zu spielen und steigt als Bassist in die Band ‚Taxfree‘ aus Balzers ein – bis ihn seine Freunde zum Gitarristen und Sänger befördern. Im Laufe dieses Prozesses schreibt Simon bald eigene Lieder, mit einem Hang zum Perfektionismus. Frommelt bringt ihm bei seine Musik zu produzieren und so landen immer mehr Songs unter dem Namen Wavvyboi auf der Streamingplattform ‚Soundcloud‘. Eines Abends postet er seinen Track ‚12 am in the city‘ in der Facebook-Gruppe ‚Lifestyle Mob‘. So zieht er die Aufmerksamkeit Deutscher Künstler auf sich. Nachdem sie ihn einladen nach Köln zu kommen, bricht Simon das Gymnasium ab und zieht in die Stadt, um seinem Traum zu folgen.

Wavvyboi online:

https://soundcloud.com/simon-vogt-836169193

https://www.instagram.com/iamwavvyboi/?hl=de

 


Dieser Artikel ist im Liechtensteiner Magazin „Fritig“ erschienen.

2 thoughts on “Erlösung

  1. Ich bin mir sicher das er mal ganz groß rauskommen wird!! Hinter seiner Musik steckt so unglaublich viel, schön jetzt auch seine Geschichte dahinter zu wissen 💜
    ✴wavvyboi✴

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