Bretter, die ihnen die Welt bedeuten

Ein lauter, umtriebiger Verein: die STP Skate Association. Sollen Mitglieder ihre Organisation beschreiben, antworten sie mit aua, oag und hinig. Die Jugendlichen haben es sich zur Aufgabe gemacht, die lokale Skatekultur zu verbessern und wachsen zu lassen. Sie wollen mehr Freiraum für junge Leute in St. Pölten. In der Skateboardszene ist es ihnen weitgehend gelungen.

„Meine Schwester hat gesagt, du wirst jetzt Skater. 2009 war das halt noch cool“, erzählt Melvin Tricoire lachend. Vorsichtig rollt er seine Zigarette im Aschenbecher ab und blickt verstohlen auf sein Skateboard. „Was ich bin, bin ich wegen Skaten.“ Er ist Mitglied erster Stunde, seit eine Gruppe von jungen Skateboardern aus St. Pölten die STP Skate Association 2011 gründete. Bevor der Verein ins Leben gerufen wurde, gingen einige kleine Cliquen regelmäßig separat voneinander skaten. Als sie sich anfreundeten und auch mit den älteren Skatern in Kontakt kamen, entstand die heutige STP Skate Association. Nicht zuletzt, um eine Alternative zum aufgelassenen Körnerskatepark bauen zu können.

Skateparkblues Part I

Kaputte Rampen und erzürnte Anrainer sind das, was heute in den Köpfen der Skater über den alten Skatepark bleibt. Er wurde 2011 geschlossen. Die Begründung: Ein Lehrerparkplatz sollte gebaut werden. Daraus ist bis heute nichts geworden, der Platz im Hammerpark steht seit Jahren leer. Vom ehemaligen Skatepark keine Spur zu sehen. Was blieb, war der Bedarf nach einem neuen Park für die jungen Skater.

Jakob Winter, damals Vorsitzender der Sozialistischen Jugend und heute Journalist, füllte gemeinsam mit der STP Skate Association diesen luftleeren Raum mit dem Plan für einen neuen Skatepark. „Der hat echt jedes Mal bei uns Tschick geschnorrt“, scherzen sie. Das sei aber das Mindeste gewesen, womit sie sich revanchieren konnten. Winter hat das Bauprojekt des „Lakesideparks“ maßgeblich mitgetragen. „Es hat so gewirkt, als ob es ihm ein echtes Anliegen war, dass aus dem Park was wird.“

Skater im Herzen

In grauer Vorzeit stand auch Winter auf einem Skateboard und machte etwas, das von oben wie der Skatetrick Ollie ausgesehen haben soll. Schlussendlich war er aber ein Fremdkörper in der Materie Skaten. Seine Skateboardkarriere blieb kurz. Winters damaliges Ziel war es, „Stadtpolitik mit und für Jugendliche“ zu verwirklichen. „Das war ein Mitbestimmungsprozess, der Vertrauen in Staat und Demokratie befördern sollte. Wenn die Stadt einen Skatepark hinstellt, hat er diesen Bürokratietouch. Einen selbst gebauten Park akzeptieren die Skater als ihren eigenen und passen besser auf ihn auf“, so Winter.

„99 Prozent vom Skaten sind Hinfallen und Aufstehen.“

Das Hauptproblem auf dem Weg zu diesem dringend nötigen neuen Skatepark bildete fehlende Kommunikation zwischen Skatern und Stadt. Winter sprach mit beiden Seiten und stellte sich als Mittelsmann und Kommunikator zur Verfügung. Fazit war der von der Stadt finanziell unterstütze Bau eines „Best of Skatepark“. Das hieß, funktionierende Obstacles – ein Sammelbegriff für Rampen und andere Skateparkgeräte – von den umliegenden Skateparks mitsamt neuem Material beim zukünftigen Lakesidepark zusammenzutragen, um einen Park zu bauen. Daraus entstand in eineinhalbjähriger Alleinarbeit des Teams Skater und Winter der Lakesidepark am Ratzersdorfer See.

„Man muss einmal Leute finden, die ehrenamtlich so viele Arbeitsstunden investieren“, betont Michael Hogl, Kassier der STP Skate Association. Er ist Sozialarbeiter im Jugendzentrum Steppenwolf und wirkt wie ein Vater, der voller Stolz von seinen Kindern schwärmt. Mit wohlwollendem Blick auf die nebenanliegende Skatehalle erzählt er, „was mir oft aufgefallen ist: Die Burschen gehen auf junge Anfänger, die noch nicht ganz fit auf dem Board sind, zu und helfen ihnen. Da wird keiner ausgelacht, sondern als Teil der Community gesehen.“

Ästhetisches Knochenbrechen

„99 Prozent vom Skaten sind Hinfallen und Aufstehen“, erklären die Skater und grinsen. Narben und Schürfwunden finden sich auf jedem hier im Raum. So oft sie auch einen Trick nicht schaffen – das Skaten gibt ihnen eine Basis, eine Grundfeste, auf die sie sich immer wieder zurückfallen lassen können. Es hält sie zusammen. Das Skateboard als Boden unter den Füßen. „Das ist ein Freundeskreis, der dafür gesorgt hat, dass eine große Zahl an Jugendlichen in St. Pölten nicht auf blöde Ideen gekommen ist, sondern ihre kreative Energie in sinnvolle Bahnen gelenkt hat“, meint Winter.

Skaten bleibt trotzdem eine Subkultur. Es spiegelt Freiheit wieder, aber nicht auf anarchistische oder destruktive Art. Physische und psychische Kreativität sind unentbehrlich. Es funktioniert nicht nach bestimmten Regeln und Normen wie andere Sportarten. Skaten bietet ein unendlich großes Spektrum an Möglichkeiten. „Das Ganze ist Kunst, weil du eine Betonmauer siehst und sie in eine Curb verwandelst“, sagt Melvin, „du entwickelst eine komplett neue Wahrnehmung. Wenn du skatest, siehst du eine Stadt nie wieder wie davor.“

Magenpunch und Tschick 1000

Ihre Kunst und Kreativität tragen die Mitglieder in ihren Skatevideos in die virtuelle Welt. Monatelang sammeln sie Sequenzen von Skateboardtricks, schneiden Clips, unterlegen die Videos mit Musik und machen sie publik. Der letzte Film „Magenpunch – im Magen kommt alles z‘samm“, feierte im Cinema Paradiso am Sankt Pöltner Rathausplatz seine Premiere. Zurzeit arbeiten mehrere Leute an unterschiedlichen Projekten. Das kommende Video heißt „Tschick 1000“. Es zeigt Szenen von der letzten STP-Skatetour durch Deutschland, Dänemark und Schweden, zusammengewürfelt mit Skateclips aus St. Pölten. Der Name kommt von der berühmten Kamera GX 1000, vorwiegend benutzt für Skatevideos. Nach ein paar Dosen Bier wurde mit dem Klang des Namens der Kamera experimentiert, bis schlussendlich „Tschick 1000“ entstand. Da sich das mit dem exzessiven Zigarettenkonsum der Gruppe deckt, entschieden sich die Skater kurzum, ihr neues Skatevideo danach zu benennen. Lachend fügen sie hinzu: „Das Lustige ist, dass wir das Video mit einer billigen Digicam gefilmt haben, die wie der kleine, dumme Bruder der GX 1000 ist.“

„Wir sind Freunde und Familie, die Grenzen verschwimmen.“

Kunst findet im Kreis der Sankt Pöltner Skater auf viele Arten einen Ausdruck, auch im Tätowieren. Die Kurzfassung zur Entstehung der ersten Tattoos: Zuviel Alkohol und die neue Tätowiermaschine des ehemaligen Vorsitzenden Markus „Gnomi“ Fanninger kamen ins Spiel. Bereuen tue das Tattoo keiner, im Gegenteil. Die Burschen in der Runde ziehen die Hosenbeine hoch und präsentieren es. Eine Mischung aus Stolz und Amüsement ist spürbar. „Schauen aber schon ein bisschen trashig aus“, meinen sie belustigt. Fast jeder der jüngeren Mitglieder hat ein Skateboard über dem Knöchel tätowiert. Für sie bedeutet es weit mehr als ihre gemeinsame Liebe zum Skaten. „Wir sind Freunde und Familie, die Grenzen verschwimmen.“

Der Sound des Skateboardens

Eine weitere Liebe, die sie teilen, ist jene zur Musik, ganz gleich, ob in den Skatevideos oder bei ihren Jams. Die Geschmäcker sind breit gefächert, von Hip Hop über Jazz bis hin zu psychedelischem Rock oder Discofunk ist alles in ihrer Plattenkollektion vertreten. „Musik macht beim Skateboarden einen Riesenunterschied. Ein Typ, der Punk hört, fährt ganz anders als einer der Hip Hop hört.“ Diese Worte stammen nicht von einem Mitglied der STP Skate Association, sondern von zwei Skateboardern, die mittlerweile ihre Musik vor zehntausenden Menschen in ausverkauften Hallen auflegen: Camo & Crooked.

In St. Pölten waren die beiden schon lange nicht mehr, fremd ist ihnen die Skateszene der Stadt keineswegs. Die beiden DJs verbrachten einen Teil ihrer Jugend damit, die alte Skater-Generation der STP Skate Association kennenzulernen. Heute denken sie gerne an diese Zeit zurück, immerhin haben sie sich in St. Pölten kennengelernt: „Wir sind nach einem Skatecontest im Warehouse ins Reden gekommen und zwei, drei Wochen später haben wir schon gemeinsam einen Tune gemacht.“ Die STP Skate Association verfolgen sie online über die Homepage. „In der Stadt hat‘s für ihre Größe schon immer ein bisschen gewurrlt. Der neue Skatepark kommt cool und es ist leiwand, dass sich was tut in St. Pölten“, meinen sie. Das wichtigste sei, dass die Gemeinden sich für die Skater engagieren und sie nicht verjagen, sondern die Kultur akzeptieren und integrieren. Ihre Abschlussworte: „Was besser gemacht werden könnte: Die Jungs von der STP Skate Association könnten mal besser skaten lernen.“

Skateparkblues Part II

So scherzhaft dieser Kommentar gemeint war, so ernst sind die tatsächlichen Probleme der STP Skate Association. Anfang September fand der alljährliche Frauenlauf statt, mit einer Station gleich neben dem Lakesidepark, der der Veranstaltung auch als Parkplatz dient. Bereits letztes Jahr kam es dabei durch einen Gastronomie-Wagen zu Beschädigung des Parkgeländes: Löcher im Asphaltboden durch Fahrzeuge mit einer Geruchskulisse aus altem Bratfett, das auf das Grundstück des Parks geschüttet wurde. Heuer wiederholte sich der Vorfall und zusätzlich wurden einige der Skaterampen demoliert, darunter das neue Centerpiece, das Herzstück in der Mitte eines Skatepark. Vor ein paar Monaten bauten es einige Mitglieder erneut mit Hilfe der Stadt. Wer den Schadensersatz aufzubringen hat, steht noch nicht fest. Die Stadt St. Pölten muss sich die Frage stellen lassen, warum sie zweimal in Folge zulässt, dass ein öffentlicher Ort ramponiert wird.

„Der Zukunftswunsch wär natürlich ein fetter Betonpark, da hat man einmal 20 Jahre eine Ruhe“, das stellen die Skater klar. Bauen von Skateparks aus Beton ist eine Win-Win Situation für alle Beteiligten. Solche Parks sind weit nachhaltiger und werden langsamer abgenützt. Die jeweiligen Gemeinden müssten nur eine einmalige Investition tätigen, wenn sie auch kostspieliger ist. Die regelmäßigen Instandhaltungskosten würden wegfallen und die STP Skate Association hätte endgültig einen Park, der nicht jedes zweite Jahr wegen Renovierungsarbeiten geschlossen werden muss.

Ob sich die Stadt St. Pölten und der Skateverein erneut auf einen Umbau des Skateparks einigen können? Das ist derzeit fraglich. Egal, wie es ausgeht: Ihre Liebe zu den vierrädrigen Brettern werden die Jungs vom Skateverein so bald nicht verlieren.


Dieser Artikel ist im St. Pöltner „MFG – Das Magazin“ und der NÖN erschienen.

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