Alfred Komarek – „Ich mag fast jeden Rapper“

Graues Sakko, graues Hemd und graue Hose, abgestimmt auf die mittlerweile vom Alter gezeichneten Haare. So farblos das Erscheinungsbild wirkt, umso facettenreicher ist die Person Alfred Komarek. Sein Ruf als „Polt“-Autor hängt ihm nach, doch es steckt viel mehr hinter dem Menschen Komarek. Bei einer Führung durch seine Wohnung erzählte er von Ö1, Schlagermusik und warum ihm bei moderner Musik Rap am besten gefällt.

Komareks Wohnung: dekoriert und nicht bloß vollgeramscht. Antiquitäten schmücken jeden Quadratmeter. Von mehreren Grammophonen bis hin zu einem alten Miniaturkarussell findet sich alles Mögliche. „Die Leute lachen immer, wenn ich sage: „Ich sammle nicht“, ich sammle wirklich nicht“, betont er, „alles was ich habe, hat eine Geschichte.“ Gegenstände, die ihm nichts erzählen würden oder mit denen er nichts anfange, hebe er auch nicht auf. „Ich verschenke auch gerne relativ viel davon.“

Der schräge Vogel fängt den Wurm

In seinem Buch „Schräge Vögel“ widmete er sich selbst ein Kapitel. Er habe sich zugehörig gefühlt und wollte rein, auch wenn er sich aus seiner Sicht dafür etwas überzogen darstelle, um ins Gesamtkonzept zu passen. „Andere Leute die auf mich schauen oder auf die Wohnung, die ja zum Beispiel eine große Spielzeugkiste ist, die werden schon sagen: naja, schon ziemlich schräg“, erzählt er mit beherztem Lachen.

Hinter seinem Schreibtisch steht eine alte aber nach wie vor intakte Kaffeemaschine. Espresso trinkt er am liebsten: klein und stark, Hauptsache viel davon, „an der Grenze zur Selbstbeschädigung, könnte man sagen“, meint er lachend.

Radio Rock `n Roll

Eine Plattensammlung kann Komarek auch sein Eigen nennen. Naturgemäß befindet sich darin hauptsächlich die Musik aus den 70er und 80er Jahren, die Zeit, in der er als Ö3 Mitbegründer Radio machte. Genauer gesagt die sanfte, melancholische Seite der 68er Bewegung und hin und wieder ein bisschen Rock `n Roll. Es fallen große Namen wie Leonard Cohen und Joan Baez. In der Mitte des Plattenregals befindet sich ein Plattenspieler, den er noch aus den 80ern besitzt. Daneben steht sein Heimtrainer. „Ich hör gern meine Platten beim Radfahren. Das geht halt draußen nur schwer.“

„Heute kann man sich das ja gar nicht mehr vorstellen, aber Ö1 war ja damals ein furchtbar fader Sender.“

Radio, seit jeher sein Lieblingsmedium, hört er mittlerweile wieder öfter. Dem Internet sei Dank, ist das Empfangen von Radiosendern aus aller Welt für Komarek kein Problem mehr. Afrikanische Sendungen verstehe er zwar nicht, bei Musik brauche man aber auch keine Sprachen können. Mit Begeisterung erklärt er: „Radio erzeugt Fantasie statt sie wegzunehmen, alles passiert im Kopf der Zuhörer.“ Fast regelmäßig hört Komarek Ö1. „Heute kann man sich das ja gar nicht mehr vorstellen, aber das war ja damals ein furchtbar fader Sender. Vorgelesenes Papier und feierliche Musik, die fantasielos abgespielt und mehr oder weniger kommentiert wurde. Heute funktioniert es so, wie Ö3 das dann später eingeführt hat: locker präsentiert.“

„Na ist das eine grausliche Geschichte“

Zum Radio ging Komarek ursprünglich aus zwei Gründen. Einerseits, um seine Musik auflegen zu können und andererseits, um Abwechslung in die davor unentwegt stur abgelesenen Texte zu bringen. „Bitte das war ja kein Radio, das geht ja nicht“, empört er sich heute noch lauthals. Auf Ö3 hat Komarek daraufhin eine Zeit lang für die damaligen Verhältnisse erotische Radiosendungen mit offenem Ende produziert. Sein Ziel war es, das aus seiner Sicht festgefahrene Radio aufzulockern. Der Zuhörer hatte damit die Möglichkeit, seinen eigenen Schluss zu erfinden. Zur damaligen Zeit war das natürlich verschrien. „Na ist das eine grausliche Geschichte, haben die Leute gesagt“, erzählt er. Inzwischen kennt er zwei Ehen, die aufgrund seiner Sendung geschlossen wurden und ein paar gezeugte Kinder. „Also die Sendung hat auch etwas bewirkt, nicht direkt, aber doch“, erwähnt er schelmisch grinsend.

In Komareks Arbeitszimmer steht heute noch ein Schnittgerät fürs Radio. Damals habe er mit all seinen Kollegen bei Ö3 musikalisch mitgelebt, Musikexperte sei er aber keiner gewesen: „Ich bin eher meinem Musikgeschmack nachgegangen als nach fachlichen Kriterien.“ Die damalige Musik hat er noch mitverfolgt. Heute hat sie für ihn großteils den Reiz verloren: „Was musikalische Innovation angeht, glaub ich nicht, dass noch weiß Gott was los ist, mag vielleicht auch einfach eine Alterserscheinung sein.“

Alfred Komarap

Eine Ausnahme nennt er trotzdem: „Ich mag fast alle Rapper, weil sie was zu sagen haben.“ Er hegte stets eine Begeisterung für Grenzüberschreiter, die Türen und Fenster aufmachen. Sie würden etwas bewegen. Das war Komarek immer wichtig. „Die heutige österreichische Musikszene gefällt mir auch gar nicht so schlecht, wie sie von Ö3 wahrgenommen wird. Und Schlagermusik ist zum Schuhe ausziehen, wirklich fürchterliche Musik“, fügt er zuerst wohlwollend, dann mit leicht verzerrter Mine hinzu.

So musikbegeistert Komarek zweifelsohne war und ist, Instrument spielt er bis heute keines. „Ich hab einmal vier bis fünf Jahre Geige gelernt. Als ich meinen Lehrer dann fragte, wie lange das denn noch dauern würde, bis sich das gut anhört, meinte er, noch ein paar Jahre. Da hab ich dann gesagt nein danke“, erzählt er schmunzelnd, „ich hab die Geige, auf der ich gelernt habe, ja auch noch immer da in der Wohnung.“ Selbstironisch nennt er sich einen besseren Musikhörer als Musikmacher. Gerne gekonnt hätte er es trotzdem immer.

Ob Komarek Querdenker oder einfach nur schräg ist, bleibt jedem selbst überlassen. Grenzüberschreiter ist er jedenfalls schon, vielleicht wird aus ihm ja sogar noch ein Rapper.

 


Dieser Artikel ist im „Werksatz“ erschienen.

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